Künstler im Interview – Armin Rohr

Herzlich willkommen zu einer neuer Folge “Künstler im Interview”. Diesmal mit Armin Rohr. Persönlich schon mehrmals getroffe und immer wieder eine Bereicherung. 🙂

Wie kamst Du zur Kunst?

Schon als Kind und in der Schule habe ich viel gezeichnet, später habe ich einfach nie damit aufgehört. Ich wusste allerdings nichts mit dieser Fähigkeit anzufangen und so begann ich zunächst einmal ein Kommunikationsdesign-Studium. Zum einen gab es damals in Saarbrücken noch nicht die Hochschule der Bildenden Künste, sondern die Fachhochschule für Design. Zum anderen haben meine Eltern mich damals nicht unterstützt in meinem Wunsch, Künstler zu werden. Und ich hatte ehrlich gesagt auch keinen rechten Plan von der Arbeit eines Künstlers oder Malers.

Mein Vater wollte zunächst, dass ich eine Banklehre machte. Oder überhaupt etwas Bodenständiges. Kommunikationsdesign war ein Kompromiss.

Auch von der Arbeit eines Kommunikationsdesigners hatte ich damals kaum eine Vorstellung. Es war irgendwas mit Zeichnen und irgendwie hatte ich auch die Idee, später vielleicht auch einmal als Illustrator zu arbeiten.

Allerdings merkte ich sehr früh, dass ich nicht zum Designer geboren war. Ich wollte frei arbeiten und meine eigene Sprache in der Zeichnung und in der Malerei finden. Trotzdem zog ich das Studium durch – teils mit Umwegen und schmerzlichen Erfahrungen – und arbeitete danach einige Jahre als Grafiker und Illustrator für verschiedene Agenturen und für auch eigene Kunden. Während dieser Zeit lebte ich in Ludwigsburg und Stuttgart; neben meinen Jobs malte und zeichnete ich aber immer weiter und suchte Kontakt mit Künstlern, Kunstvereinen oder auch Galerien. Außerdem bewarb ich mich an verschiedenen Akademien – u. a. in Stuttgart. Zunächst ohne Erfolg.

„Wir brauchen junge, formbare Menschen,“ war z. B. die Antwort eines Professors damals.

Einige Jahre später klappte es mit der Bewerbung an der HBK Saar in Saarbrücken und ich begann Malerei bei Professor Bodo Baumgarten zu studieren.

Was inspiriert Dich?

Meine Inspiration schöpfe ich aus Bildern, aus dem Prozess des Malens selbst. Wenn ich mein Thema gefunden habe und im Fluss bin, entstehen die Bilder scheinbar ohne meinen Einfluss. Als würde nicht ich den Pinsel führen, sondern jemand anderes. Es gibt aber auch quälende Phasen, in denen alles unendlich zäh und schwer gelingt. Dann versuche ich oft, neue Wege einzuschlagen, einen anderen Rhythmus zu finden oder probiere ein anderes Material aus. Oder ich gehe einfach spazieren.

Ich wollte mich nie festlegen auf eine Sprache, ich arbeite sowohl figürlich als auch abstrakt. Allerdings in langen Zyklen. Ich brauche Zeit, die Dinge zu entwickeln.

Lange Zeit arbeitete ich „nach der Natur“, wie man so sagt. Aktzeichnen, Landschaftszeichnen, überhaupt: Räume. Menschen und Räume. Räume ohne Menschen. Meine abstrakten Arbeiten entstanden aus der Auflösung von Figur und Raum (abstrakt ist eigentlich der falsche Ausdruck, sie enthalten ja immer noch Fragmente, Anspielungen der Figur).

Außerdem bin ich neugierig und offen und versuche nicht im eigenen Saft zu schmoren. Gelegentlich führe ich auch Auftragsarbeiten aus, zum Beispiel Porträts. Dafür war das Design-Studium sehr nützlich. Auch aus diesen Arbeiten schöpfe ich mitunter Inspiration für meine freien Arbeiten. Sie bringen mich, wenn es gut läuft, sogar auf andere Ideen und Wege.

Vorbilder?

Vorbilder hatte ich in jungen Jahren, bevor ich Malerei studierte. Ich arbeitete mich an van Gogh ab, auch Zeichner wie Horst Janssen oder Maler wie Cy Twombly faszinierten und inspirierten mich.

Es gibt viele Künstler, die für mich bis heute von Bedeutung sind. So zum Beispiel Vermeer, Dürer, Velásquez, Goya oder Munch. Besonders Munch. Unter den lebenden Zeitgenossen ist es immer wieder David Hockney.

Spontan denke ich Matthias Grünewald. Der Isenheimer Altar in Colmar hat sich schon sehr früh in mein Gedächtnis eingebrannt; eine Arbeit, die ich wohl nie vergessen werde. Abbildungen dieses Werkes habe ich zum ersten Mal gesehen, als ich anfangs des Designstudiums bei Oskar Holweck in der Grundlehre war.

Allein diese Abbildungen fand ich damals schon unglaublich beeindruckend, geradezu aufwühlend und ergreifend. Großartige Malerei!

Mittlerweile war ich schon oft in Colmar. Die Bilder von Grünewald lassen mich nie mehr los.

Mit Kandinsky konnte ich noch nie was anfangen. Klimt zum Beispiel hat mich nie interessiert.

Rituale beim Malen? Davor? Danach?

Rituale habe ich keine. Das Bespannen und Grundieren einer Leinwand kann meditativ sein, es erfüllt mich mit Vorfreude und einer gewissen Spannung. Manchmal male ich auch auf Aludibond. Die Platten schneide ich zurecht und auch hier schleife und grundiere ich. Das Beschäftigen mit dem Material ist wichtig für mich.

Früher hat mich das Bespannen und Grundieren von Leinwänden genervt – heute begreife ich es als Teil meiner Arbeit. Es stimmt mich auf die Malerei ein.

Aber ich glaube eher, dass ich Rituale vermeide. Ich will vermeiden, dass meine Arbeit Routine wird und sich Prozesse einschleifen. Ich sitze auch gerne irgendwo in der Landschaft oder in einem Café und zeichne. Manchmal zeichne ich auch während eines Films oder aus dem  fahrenden Auto. Wechsle zwischen Papier, Leinwand, Malerei und Zeichnung.

Den 24. Dezember verbringe ich gerne im Atelier. Nur zwei oder drei Stunden, manchmal auch länger. Kommt auf die Pläne der Familie an. Das mache ich seit meiner Zeit an der Hochschule so. Mein persönliches Weihnachten. Dieser Tag ist ganz besonders für mich, wenn das nicht klappt, fehlt mir etwas. Malen, zeichnen, nachdenken, sonst nichts. Nichts Großes, nichts Neues anfangen.

Das könnte ein Ritual sein.

Lieblingsprojekt?

Ein sehr wichtiges Projekt für mich war sicherlich die Gestaltung für die Fenster der Kapelle in der Christkönigskirche in Backnang im Jahr 2011. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich kaum mit Glasmalerei und Glasfenstern, geschweige denn mit dem Handwerk beschäftigt. In Zusammenarbeit mit der Firma Derix in Wiesbaden entstanden auf der Grundlage meiner Entwürfe drei Fenster für die Werktagskapelle.

Ich habe in dieser Zeit unglaublich viel erfahren und gelernt über Glas und seine Be- und Verarbeitung. Es war eigentlich ein bisschen wie eine kleine Lehre, eine Ausbildung, die ich da durchgemacht habe. Während vieler Termine in Wiesbaden entstanden mit Hilfe fantastischer Mitarbeiter in vielen Arbeitsschritten allmählich die Fenster, die den Raum in der Kapelle komplett verändert haben.

Mein bisher größtes Projekt war die raumfüllende Wandmalerei in der Albert-Wagner-Schwimmhalle an der Sporthochschule in Saarbrücken. Drei Monate arbeitete ich eigentlich täglich, auch an Wochenenden mit zwei Mitarbeiten – meistens auf einem sieben Meter hohen Rollgerüst – an dem Projekt. Niemand ahnte damals, am allerwenigsten ich, wie das Ergebnis am Ende tätsächlich aussehen würde. Es gab ein paar sehr vage Entwürfe, aber die Halle ist siebzig Meter lang und ich hatte nur vage Entwürfe und Ideen im Kopf. Kam noch hinzu, dass ich spezielle Farben benutzen musste, mit denen ich bislang nie gearbeitet hatte. Aber am Ende hat es funktioniert.

Bis einen Tag vor der offiziellen Eröffnung malte ich wie im Rausch. Ich hätte nie geglaubt, dass ich das schaffe; es war eine fantastische Erfahrung.

Was fühlt man nach dem Verkauf eines Bildes?

Ich bin da sehr nüchtern und pragmatisch. Wahrscheinlich fühle ich ähnlich wenig, wie der Händler um die Ecke, wenn er einen Liter Mich verkauft. Ich schreibe eine Rechnung und bekomme mein Honorar.

Geld ist wichtig, ohne Zweifel, aber der Verkauf eines Bildes war zunächst nie Ziel und Zweck meines Arbeitens. Die Malerei selbst ist der Sinn.

Natürlich ist es schön, wenn sich Menschen für meine Arbeit begeistern und ich meinen Bildern immer wieder bei Freunden, in Institutionen oder sonst wo wieder begegne. Machmal denke ich dann „Ah ja, schau her, das hast Du also damals gemalt. So schlecht war das doch gar nicht. Da könntest Du eigentlich wieder ansetzen …“.

Malerei ist für mich ein Prozess, Bilder sind Zwischenergebnisse dieses Prozesses. Man kann die Zwischenergebnisse verkaufen. Das ist praktisch, aber der Prozess geht weiter.

Bilder malen ist kein Geschäftsmodell.

Maltechnik? Stil? Variationen?

Über Techniken habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Als ich mir meiner Fähigkeit des Zeichnens bewusst wurde, war die Zeichnerei für mich Ventil und Medium, Ungesagtes, Unsagbares zu visualisieren. Ich zeichnete damals mit viel Emotion, gewissermaßen versuchte ich innere Befindlichkeiten wie Aggression oder Wut zu verarbeiten. In meiner Jugend war ich sehr wütend. Das körperliche Moment war mir wichtig und es war auch egal, wenn dabei das Papier zerriss.

Aus diesen Anliegen heraus entwickelten sich bestimmten Möglichkeiten des Ausdrucks, Möglichkeiten des Materials eigentlich wie von selbst. Ich habe mir über Technik nie Gedanken gemacht. Das Thema erfordert eine bestimmte Form und Technik. Manchmal entwickeln sich aus Zufällen, Unfällen oder aus dem Moment des Scheiterns heraus Möglichkeiten oder Elemente einer Bildsprache.

Auch Fragen des Stils waren nie mein Anliegen. Ich benutze unterschiedliche Formen, um mich auszudrücken. Expressivität, monochrome Malerei, Comic, Zeichnung, Abstraktion, Figuration – alles steht mir offen und ich bin so frei, alles zu benutzen, um zu meinem Bild zu gelangen.

Nicht immer sind die Entscheidungen, die ich treffe, bewusste Entscheidungen. An bestimmten Punkten sagt das Bild, was es braucht oder wann es fertig ist.

Ich will mich nicht festlegen und nach Möglichkeit möchte ich mich selbst überraschen vom Ergebnis. Malerei als Wagnis und Abenteuer. Das Festlegen auf Stile oder Techniken heißt doch auch immer, dass man sich seiner sicher sein kann. Das ist mir zu wenig. Ein Risiko muss immer dabei sein. Nur so komme ich für mich zu etwas Neuem.

Bewegen wir uns nicht alle auf dünnem Eis?

Wie reagiert Umfeld, wie reagiert auf „Künstler“?

Viele meiner Freunde sind Künstler. In meiner Familie findet es niemand ungewöhnlich. Ich selbst spreche von meiner Arbeit. Wenn ich ins Atelier gehe, gehe ich arbeiten. Es ist völlig normal. Ich mache mir darüber keine Gedanken.

Ich bin dankbar für das, was ich tun darf. Ich fühle mich privilegiert. Ich lebe in einem der reichsten Länder der Welt und darf malen und zeichnen was ich will. Ohne Einschränkung, ohne Repression, ohne Angst haben zu müssen. Ich darf permanent scheitern ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

Im Gegenteil: Wenn es nicht gut läuft, werfe ich das Ergebnis weg oder übermale es. Ein Luxus!

Es ist nicht einfach, aber ich konnte bis jetzt leben und überleben. Manchmal gut, manchmal weniger gut. Aber es hat funktioniert. Bis jetzt.

So oft es geht, versuche ich, im Atelier zu arbeiten.

Wünsche an die Zukunft?

Als ich mit dem Malereistudium begann, hatte ich nur einen Wunsch. Bilder zu malen, zu zeichnen und niemals aufzuhören. Daran hat sich nichts geändert.

Ich denke in Bildern, ich träume von Bildern. Ich kann mich berauschen an Bildern. Nicht nur an meinen eigenen, im Gegenteil, meistens sind es die Bilder von anderen, die meine Welt bereichern. Das können auch Fotos sein oder Filme. Oder auch die Bilder, die entstehen beim Lesen eines Buches.

Ich wünsche mir einfach, dass es weitergeht. Ein Leben, in dem ich keine Bilder male oder zeichne, mag ich mir nicht vorstellen.

P.S.: Anbei noch Links zu Artikeln in meinem Blog, in denen ich mir Gedanken über meine Arbeit gemacht habe:

http://arminrohr.blogspot.de/2008/12/ber-malerei.html

http://arminrohr.blogspot.de/2009/10/verspatung.html

P.S. 1: Hört dazu auch den Podcast: „Geistesblitze in der Kunst.“